Brücken bauen - ein alter Hut?

Wir sind mittlerweile an Krisen gewohnt. Haben gelernt, mit Ungemach umzugehen. Sind mehr oder weniger resilient geworden im Auf- und Ab der Pandemie, und den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Umwälzungen, die mit ihr einhergehen. Aktuell befinden wir uns in Österreich in einem bundesweiten Lockdown für Ungeimpfte.

 

Nicht gerade der beste Zeitpunkt, über das altertümliche Thema Brückenbauen zu schreiben. Die Fronten sind verhärtet. Die gesellschaftliche Spaltung zieht sich durch Familien, Freundeskreise und Betriebe. Die Kommunikation schwankt zwischen oberflächlich hohl und aggressiv verbissen. Und im Grunde kein Ende in Sicht.

 

Im Gegenteil. Ein langer Winter liegt vor uns. Mit einem Gesundheitssystem am Anschlag und einer gerade erst aufstrebenden Wirtschaft mit erneuten nervösen Zuckungen, um nur ausgewählte Symptome zu nennen. Denn die Ursachen für unsere weitreichenden Krisen reichen viel tiefer. Nähren sich aus einem grundlegenden Vertrauensverlust in Politik, Autorität und Wohlstandsversprechen sowie einer Erschütterung überlieferter Werte und Orientierungslosigkeit.

 

Und gerade in dieser Gemengelage komme ich nicht umhin, dieses vielleicht „abgedroschene“ Thema anzusprechen. Denn ich bin zutiefst überzeugt, dass wir sie händeringend brauchen werden, diese Brücken, diesen Kitt, der die krassen Gegensätze wieder anzunähern vermag. Der die Härte in den Debatten ein Stück weit aufweichen kann. Der uns schrittweise wieder offener macht für das Gesagte, Gemeinte und Gefühlte des Gegenübers.

 

Doch leichter geschrieben, als getan. Wie baut es sich denn Brücken, wenn wir die Brückenköpfe gesprengt haben? Wenn die Pfeiler marode geworden sind? Und wenn der Wille schwindet, sich diesen mühsamen Prozess anzutun?

 

Ich bin eine Freundin des Konzeptes „vom richtigen Zeitpunkt“, man kann es wertungsneutral auch Kairos nennen. Ein Konzept, das eher von der Qualität als der Quantität der Zeit ausgeht und dazu einlädt, zu erkennen, was im Moment dran ist. Und ich gebe zu, ich bin als Pionierin oftmals etwas „vor der Zeit“. Im Moment mag es zu früh sein, aktiv den Dialog zu suchen, wir befinden uns im akuten Krisenmodus. Keine Frage. Und doch glaube ich, dass man nie früh genug damit beginnen kann, Perspektiven zu entwickeln, ein Leuchtfeuer zu entzünden und in gewisser Weise ein Licht am Ende des Tunnels zu skizzieren.

 

Das möchte ich mit meinem Fokus auf Brückenbauen tun. Und dabei auf zwei Kernkomponenten eingehen, die es gilt, nicht aus den Augen zu verlieren, wenn wir es angehen wollen, dann, wenn die Zeit dafür reif ist.

 

     1.       Empathie

Sie ist die Kraft, die unsere Menschlichkeit ausmacht. Die Fähigkeit, sich ins Gegenüber hineinzuversetzen, einzufühlen. Und nachzuempfinden, wie es anderen geht. In Krisenzeiten ist man versucht, als Schutzmechanismus, die Schoten dicht zu machen und die Empathie quasi herunter zu regeln. Absolut verständlich, und damit beschäftige ich mich auch in einem früheren Blog-Beitrag. Doch dabei gerät ein weiterer Aspekt leicht in Vergessenheit. Auch wir selbst benötigen Empathie. Sie ist keine Einbahnstraße. Und die Fähigkeit, sich selbst gut wahrzunehmen, über die argumentative Verbissenheit hinaus, scheint mir sehr wichtig.

 

Denn dadurch bleiben wir in Kontakt mit unseren wichtigsten Bedürfnissen. Nach Zugehörigkeit, nach Geborgenheit, nach Akzeptanz, nach Liebe. Ein Irrglaube, möchte ich fast schreiben und schiele dabei auf die Friedens- und Konfliktforschung, wer denkt, dass gespaltene Familien, Freundeskreise oder Gesellschaften diese Bedürfnisse erfüllen können. Dass dabei jemals ein friedvolles Miteinander entstehen kann. Und so wird aus Empathie, ein Kitt, den wir stets zur Verfügung haben. Eine innere Brücke zu uns selbst und damit zu anderen, die wir eigenmächtig beherrschen. Und eine Fähigkeit, die rasche und fühlbare Ergebnisse zeitigt. Versprochen.

 

     2.       Dialog

Ein wohl etwas überstrapaziertes Wort. Man trifft es auf allen Ebenen an. Mit den Sozialpartnern in einen Dialog gehen, mit Russland im Dialog bleiben, ein institutionelles Dialogforum organisieren etc. pp. Doch was steckt wirklich hinter diesem Begriff? In einer knappen Darstellung verstehe ich unter Dialog ein ergebnisoffenes Gespräch von mindestens zwei Personen, die sich auf das Gegenüber einlassen und versuchen, das Gesagte zu verstehen und gemeinsam weiterzuentwickeln. Das Ziel ist ein geteilter (Erkenntnis)Prozess, gerne auch mit Umsetzung. Das Wichtige dabei ist jedoch das wechselseitige Vertrauen, eine authentische Kommunikation und die Fähigkeit, sich auf einen gemeinsamen Weg einzulassen. Status, eine Hidden Agenda und persönliche Absicherung ein Stück weit hintanzustellen, und einer gemeinsamen Sache den Vorrang zu geben. Einer gemeinsamen Sache, von der alle Parteien profitieren werden, mehr als jemals erwartet. Denn echte Dialoge übertreffen meist unsere kühnsten Erwartungen und lassen uns bereichert, erfüllt, vielleicht auch versöhnt, um den Fokus auf Konflikt und Frieden nicht zu verlieren, und zutiefst motiviert zurück. Auch davon spreche ich aus persönlicher Erfahrung und Überzeugung.

 

So viel, in aller Kürze, zu zwei Komponenten, die ich fürs individuelle und kollektive „Brückenbauen“ als essentiell erachte. Und auch dabei kann man ganz viele Ebenen betrachten. Brücken braucht es bei fast jedem Vorhaben: In der Zusammenarbeit zwischen zwei KollegInnen oder zur/zum Vorgesetzten, auf dem Weg zu einem guten New Work, in der hybriden Arbeit, im Teamwork und in der Teamentwicklung, in der Organisationsentwicklung, um alle Beteiligten gut abzuholen und mitzunehmen, in Change-Prozessen aller Art. In Familien und Freundeskreisen. Die Freude an einem gemeinsamen Weihnachtsfest einfach einmal in den Raum geschmissen. Und natürlich gesellschaftlich. Wir werden ihn brauchen, diesen Kitt, diese Brücken und die jeweiligen BrückenbauerInnen. Denn Krisen gehen vorüber. Sie sind Katalysatoren und Turbobooster für Veränderungsprozesse. Gut, wenn wir auch für das scheinbare „Danach“ gerüstet sind. Unsere Werte, Ziele und Fähigkeiten kennen und bereit sind, sie für das gemeinsame Ganze einzusetzen. Denn das „Danach“ beginnt schon heute.

 

Ihre Birgit Allerstorfer


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