"Ich kann´s nicht ändern" - Die Widerstandskraft im Gepäck

Sehr oft erleben wir in der jetzigen Zeit Situationen, die wir selbst nicht ändern können und die uns mitunter schwer treffen. Sei es im Zusammenhang mit der Covid19 Pandemie, den Umwälzungen in der Wirtschaft, den Umbrüchen am Arbeitsmarkt oder in unserem ganz privaten Umfeld. Wir haben vieles nicht in der Hand, um es gemäß unseren Wünschen zu verändern. Und diese vermeintliche Ohnmacht schmerzt. Im Außen stehen wir vielerorts vor Tatsachen, die es zu akzeptieren gilt. Ob es uns gefällt oder nicht. An diesen Erfahrungen können wir verzweifeln und abstumpfen - oder auch viel lernen. Über Tatsachenresilienz und vor allem über uns selbst! Denn nirgends zeigt sich klarer, wie wir mit der Welt umgehen. Ihren Möglichkeiten und Risiken, Erfolgen und Niederlagen. Vorausgesetzt, wir haben die ersten, einfach schmerzhaften Gefühle - Wut, Trauer, Verzweiflung, Enttäuschung - zugelassen, durchlebt und überwunden und gehen in die Phase der Bewältigung.

 

Die Resilienzforschung setzt sich dabei damit auseinander, was die Widerstandskraft von Menschen ausmacht. Warum können manche Personen besser mit Stress umgehen als andere? Wie gelingt es einigen, schlimme Schicksalsschläge gut zu überwinden? Wie bewältigen andere kontinuierliche Herausforderungen? Nach jetzigem Stand der Forschung und vielen Jahren der (auch) stark populärwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen, kann das „Henne-Ei-Problem“ der Resilienz nicht abschließend beantwortet werden. In a nutshell: Beeinflusst die Konstitution des Gehirns das Erlebte und die eigene Haltung oder ist es genau umgekehrt? Wie so oft im komplexen System Mensch, scheint es ein dynamisches Zusammenspiel von genetischen Voraussetzungen, Umwelt und Erlebten zu sein, das die persönliche Resilienz ausmacht. Unbestritten ist jedoch, dass jede und jeder einiges dazu tun kann, um die eigene Widerstandskraft zu stärken!

 

Schutzfaktoren, wie positive Emotionen, Optimismus, Selbstwirksamkeitserwartung, Selbstwertgefühl, soziale Anbindung, Spiritualität bis hin zu Sport beispielsweise, gilt es zu aktivieren, Risikofaktoren abzubauen. Wohl wissend, dass man nicht immer Einfluss nehmen kann. Aber in einfachen Situationen: Warum einem wettbewerbsorientierten Hobby nachgehen, wenn es immer wieder zu Stress und Versagensgefühlen führt? Wozu dem Gruppendruck nachgeben, wenn man doch keine Lust auf diese auslaugende Aktivität hat? Wie wäre es, für die eigenen Bedürfnisse stärker einzutreten? Im Job und anderswo. Hier gibt es eine starke Brücke zum Thema Selbstfürsorge.

 

Und nicht zuletzt: Die eigene Haltung und Ausrichtung bestimmen ganz maßgeblich, wie wir die Welt wahrnehmen! Wie interpretieren wir das Erlebte? Ist das Glas notorisch halb voll oder halb leer? Liegt uns das „Aber“ immer auf der Zunge parat – oder darf es auch einmal ein „Und trotzdem“ sein? In vielerlei Hinsicht bestimmen unsere Glaubenssätze und innere Landkarte unsere Resilienz. Denn mit einem halb vollen Glas stillt man schneller den Durst. Der Glaube an die eigene Wirksamkeit kann Berge versetzen! Und selbst unser Körper, unsere Muskeln, Abwehrmechanismen und Kräfte reagieren anders, wenn wir an etwas Positives, anstatt Negatives denken. Probieren Sie es aus! Bitten Sie eine_n Partner_in, gegen ihren Arm zu drücken und stemmen Sie sich dagegen. Denken Sie an etwas Kraftvolles, Positives und Sie werden obsiegen. Lassen Sie Zweifel und etwas Negatives in Ihren Gedanken aufkommen, und Ihre Wälle werden brechen….

 

     Was kann ich also tun, um in Situationen, an denen ich nachweisbar nichts verändern kann, resilient zu sein? Wie aktiviere ich ganz praktisch meine Widerstandskräfte, um weiterhin offen und zuversichtlich mit Herausforderungen umzugehen? Sylvie Reidlinger und Konstanze Hörburger schlagen in ihrem Artikel "Es ist, wie es ist" - drei Fragen zur Tatsachenresilienz die einfachen W-Fragen vor, um nicht in lähmenden Umständen hängen zu bleiben, um Erleichterung zu schaffen und aufkeimender Mut- und Ratlosigkeit die Stirn zu bieten:

 

      1.       WER?

Die erste Frage dreht sich darum, welcher konkrete Mensch in dieser Situation Hilfestellung geben kann: „Wer, welche Person, kann Sie jetzt am besten unterstützen? Welche Bezugsperson gibt es in Ihrer Umgebung, die Ihre Situation begreift und mit Ihnen durchsteht?“

 

      2.       WAS?

Die nächste Frage nimmt die Handlungsmöglichkeiten in den Fokus: „Was können Sie tun, welche aktive Handlung, Aktion können Sie setzen, damit Sie mit der gegebenen Situation besser umgehen können?“

 

      3.       WIE?

Bei der dritten Frage geht es um die innere Haltung. Aus meiner Sicht die Wichtigste! Der Coach oder auch Sie selbst können sich fragen: „Wie schaffen Sie es – mit welcher inneren Haltung – das Gegebene zu akzeptieren, wie es ist?“

 

Die drei W-Fragen sind gewiss nicht neu. Auch sind sie keine "rocket science". Doch sie führen uns Schritt für Schritt weiter. Hinaus aus den Emotionen, der Ohnmacht und der Frustration. Sie zeigen ganz konkrete Handlungsoptionen auf und:  Wir haben sie immer bei der Hand: Wer? Was? Wie? Sie fokussieren unsere menschlichen Ressourcen, unser Tun und unsere Haltung, die, wie wir wissen, wesentlich unser Leben bestimmt. Probieren Sie es doch bei der nächsten Gelegenheit aus. Anstatt zu lange am „Warum musste das passieren?“ zu nagen und vielleicht das „Wofür“ noch nicht sehen zu können, greifen Sie nach konkreter Unterstützung! Wer/Was/Wie. Und Sie werden sehen, das „Wofür“ taucht schneller auf, als erwartet. Wenn wir in der Tatsachenresilienz - „Es ist, wie es ist“-  man könnte auch sagen, der "tätigen Akzeptanz" - angelangt sind, sind wir offener für neue Perspektiven. Wir können klarer sehen, wofür gewisse Erfahrungen gut und notwendig sind. Wir können auch immer mehr schlimmen Ereignissen konstruktive Anteile abgewinnen. Dann geht es voran. Denn das Leben möchte nach vorne gelebt werden. "Es ist, was es ist," sagt die Liebe, schreibt Erich Fried. Und die Resilienz nickt.