Unser gesellschaftlicher Atem

Wir befinden uns in Österreich quasi im 2. Lockdown, und in ganz Europa bzw. weltweit ringen Nationen um geeignete Maßnahmen, die Covid19 Pandemie in den Griff zu bekommen. Es geht darum, Leben zu schützen – den Kern unseres Daseins – und dabei v.a. die schwächsten und verletzlichsten Gruppen in unserer Gesellschaft.

 

Und es geht darum, das gesamte Land – denn im Augenblick erleben wir vorrangig nationale Vorstöße – durch diese Krise zu führen und dabei Wirtschaft und Zukunftskapitale nicht nachhaltig zu schädigen. Eine komplexe und anspruchsvolle Aufgabe. Eine Aufgabe, die viel Weitsicht und nachvollziehbare Kommunikation benötigt. Und: Eine Vision, einen Entwurf, wie wir jetzt und in Zukunft miteinander leben wollen. In guten wie in schlechten Zeiten.

 

SALZ IN DER WUNDE

 

Denn Krisen haben eine Nebenwirkung, die allerdings viele Formen annehmen kann. Sie bringen die Sollbruchstellen einer Gesellschaft zutage. Sie legen den Finger genau dahin, wo es weh tut. Sie streuen Salz, das auf den ersten Blick gar nicht als solches erkennbar ist. Doch sie streuen es genau in die Wunde. In Wunden der Unsicherheit, des Vertrauensverlusts, der fehlenden Anerkennung, der Abstiegs- und Ausgrenzungsängste, der Existenzängste, Orientierungslosigkeit und schließlich Spaltung. Natürlich gibt es im Gegenzug starke Kräfte des Optimismus und der Zuversicht, doch Wunden wollen geheilt werden. Durch Optimismus und auch: durch Hinsehen und Würdigung.

 

Wenn es um komplexe Fragestellungen geht und nicht ausreichend Zeit zur Verfügung steht, vollumfängliche Studien anzustellen - Wann gibt es das schon? – greifen wir auf altbewährte Muster zurück. Sei es die Parteilinie, der man schon seit der Jugend folgt, die Ideologie, der man sich am nächsten fühlt, den eigenen Instinkt, tief aus dem Innersten – aus dem Überlebenstrieb gespeist – die Meinung der Freund_innen, die Mehrheitsmeinung der Social Media Blase. Mir ist bewusst, dass ich vereinfache, doch mein Punkt ist folgender: In Krisen und Konflikten verengt sich unser Blickfeld. Ich möchte nicht sagen, dass wir nur noch zwischen Flucht, Angriff oder Erstarren wählen, doch unsere Optionen werden enger. Und die Bereitschaft, uns zu öffnen bzw. den Diskurs offen zu halten, kleiner. Unsere Ohren, auch andere Meinungen vorbehaltslos anzuhören werden ungeduldiger und unsere Sprache schärfer. Bis wir einen Punkt erreichen, an dem wir selbst glauben, dass es keine Alternativen mehr gibt, nur noch Taten statt Worte. Das Mitgefühl für „andere Lebenswelten“ schmilzt.

 

EINE BRISANTE MISCHUNG

 

Ein verengtes Blickfeld in Kombination mit Sollbruchstellen einer Gesellschaft sind eine brisante Mischung. Und kommunikations- und marketingtechnische Zuspitzungen und Verknappungen der Botschaften tragen das Ihre zur Verunsicherung der Menschen bei. Denn beim Zuspitzen der Botschaften geht viel inhaltlicher Wert verloren. Wert und Substanz, die es brauchen würde, um Entscheidungen in einem größeren Umfang nachvollziehen zu können. Keine Worthülsen, Bilder und Aufmerksamkeitsmagneten, die in unseren Köpfen hängen bleiben sollen, sind nötig. Sondern transparente, schlüssige, geteilte Werte, Motive und Visionen, die wir gemeinsam als Gesellschaft verwirklichen möchten. Das würde ich mit wünschen.

 

So könnte aus dem "Intensivbett", das es unter allen Umständen zu schützen gilt - und ich unterstütze dieses Ziel zu 100 Prozent (!) – "meine Nachbarin" werden. Die ich zwar nicht so gut kenne, deren Leben aber das höchste Gut unserer Gesellschaft ist. Ich habe "meine Nachbarin" bewusst gewählt, denn die Liebe zu unseren Familienmitgliedern ist unbestritten und unverrückbar. Doch einen Kreis weiter gedacht: Wie weit reicht unser Mitgefühl? Wie weit reicht die Liebe? Wie weit reicht unsere Bereitschaft, persönliche Abstriche und Verzicht in Kauf zu nehmen? Auch für die Menschen, die wir einerseits nicht kennen und andererseits vielleicht auch nicht mögen. Wo verlaufen die Gräben unserer Toleranz, Akzeptanz und schließlich Handlungsbereitschaft?

 

ZEIT, IN DEN SPIEGEL ZU SEHEN

 

Und um noch ein Quäntchen an Nachdenklichkeit obenauf zu setzen: Wir sind doch alle miteinander verbunden. Und diejenigen Menschen, die uns am meisten aufregen, denen wir am meisten an Menschlichkeit absprechen wollen und die wir aus unseren Vorstellungen und Leben ausschließen wollen, die haben doch so viel mit uns selbst zu tun. So unangenehm es auch sein mag. Wir blicken im Außen in viele Spiegel. Spiegel, die uns das aufzeigen, was wir ansonsten nicht sehen wollen. Weil es weh tut. Weil es unsere Schatten und Wunden sind. Weil wir uns eingestehen müssten, dass wir auch „nur Menschen“ sind. Das wären die heilsamen Wunden und vielleicht auch Wunder dieser Zeit. Die Momente und Zufälle, die uns vor Augen führen, dass bei allen unterschiedlichen Ideologien und festgefassten Meinungen wir alle in einem Boot sitzen. Dass nicht die eigene Meinung über die der anderen gewinnen muss. Sondern dass es eine gemeinsame Transformation der Werte, Ziele und Visionen unserer Gesellschaft braucht. Und das geht nur in einem gemeinsamen Tun.

 

ZUKUNFT ATMEN

 

Am Höhepunkt der Krise mag es nicht der richtige Zeitpunkt für Dialog, Beteiligung und offene Prozesse sein. Das ist mir völlig bewusst. Doch im Grunde braucht es – zu allen Zeiten – Räume dafür. Damit die Gedanken, Wünsche, Sehnsüchte, Bedürfnisse, genialen Ideen, anderen Perspektiven und Zukunftsvisionen atmen können. Damit die Zellen unseres gesellschaftlichen Körpers weiterhin frischen Sauerstoff bekommen. Damit Gesundheit nicht nur rein körperlich sondern ganzheitlicher verstanden wird. Das stärkt das (kollektive) Immunsystem auf vielen Ebenen. Und welch Ironie des Schicksals, dass Covid19 genau unsere Atemwege angreift…

 

Diese Räume des Dialogs, des ehrlichen Austausches, der ergebnisoffenen Co-Kreation braucht es im öffentlichen Raum, um die Gesellschaft buchstäblich ventilieren zu lassen und das Herz unseres Zusammenhalts schlagen. Es braucht diese Räume aber auch ganz individuell für jeden einzelnen Menschen. Denn wenn wir von gesellschaftlichem Wandel sprechen, von der Transformation unserer Werte und Visionen, woher sollen diese kommen? Aus den Schubladen wohl kaum.

 

Sie entstehen in unseren tief empfundenen Haltungen, unseren Wünschen für eine friedvolle, nachhaltige, gemeinsame Zukunft, in der jeder Mensch sich einbringen und entfalten kann. Wie diese Zukunft aussehen soll? Auch bisher herrschende Vorstellungen können sich wandeln. Und ich bin überzeugt, sie werden es müssen, um wirklich den Quantensprung für neue, lebensfähige, freudvolle gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Systeme zu schaffen.

 

Worum geht es wirklich in unserem Leben? Welche Werte trage ich tief in mir und möchte sie daher auch im Außen sehen? Wie weit reicht mein Radius der Menschlichkeit? Wie weit meine Toleranz der Freiheit? Wie tief mein Gefühl der Sicherheit? Wie tief meine Angst vor Verlust? Vor Verzicht? Wie umfassend ist mein Verständnis von Gesundheit?

 

In Zeiten eines Lockdowns haben wir vermehrt Zeit, um uns diesen Fragen zu widmen. Die Medienbeschallung kann immer wieder einmal pausieren. Es ist wohltuend. Es macht Platz. Platz für die Fragen, die uns ganz persönlich umtreiben. Und die den Ausschlag dafür geben werden, dass wir gestärkt, geläutert und v.a. gemeinsam durch diese Krise gehen - und immer wieder tief ein- und ausatmen können.


Wenn Ihnen dieser Text gefällt, teilen Sie ihn doch auf Social Media: