Mitgefühl als Balanceakt

Wir merken es oft erst, wenn es schon fast zu spät ist. Wenn uns die Tränen in die Augen steigen. Wenn wir eine Gänsehaut auf den Unterarmen bekommen. Wenn sich unsere feinen Härchen im Nacken aufrichten. Dann wissen wir, es hat uns erwischt... Eine Welle des (Mit-)Gefühls überrollt uns. Wir sind berührt. Bewegt. Ergriffen. Ganz im Moment. Wir sind verletzlich. Und doch: fühlt es sich irgendwie richtig - ja sogar „sicher“ an. Ein Widerspruch?

 

Unmittelbare Gefühle sind körperlich. Sie geben wenig auf unsere Gedanken und rationalen Abwägungen. Sie durchbrechen unsere Schutzwälle und drängen an die Oberfläche. Sie wollen gefühlt werden. Ausgedrückt. Empfunden. Durchlebt. Buchstäblich hautnah. Und sie lassen uns ein Stück weit gereinigt, geläutert – und vor allem verbunden - zurück. Mit uns selbst, mit anderen, mit der Welt.

 

Berührtheit ist ein Geschenk. Ein Geschenk, für das oftmals wenig Raum ist, in der heutigen Zeit. Dem Attribute wie Schwäche und Weichheit zugeschrieben werden. Eigenschaften, die im harten Geschäftsleben und manchmal auch privat nicht an erster Stelle rangieren. Ein Geschenk, das auch verunsichert, weil wir uns oft nicht entziehen können. Und eines, von dem wir intuitiv spüren, dass es ungemein mächtig ist. Auch das kann Angst machen. Doch diese Angst ist unbegründet. Denn Berührtheit ist vor allem eines: wohlwollend. Sie verbindet. Sie verknüpft uns mit unserem Kern. Mit unserer Menschlichkeit. Und damit mit anderen.

 

Eine Schwester der Berührtheit ist das Mitgefühl. Auch das so alt wie die Menschheit. Und so aktuell wie nie zuvor. Klar, Empathie klettert auf der Leiter der Führungsqualitäten immer weiter empor. Es gehört schon fast zum guten Ton, empathisch zu sein. Emotionale Intelligenz und v.a. Kompetenz zu zeigen. „Aber bitte nicht zu viel.“ 😉 Auch wenn ich hier nicht auf Führungsqualitäten im Allgemeinen eingehen kann, meine ich, dass sich Leadership und Empathie nicht ausschließen. Im Gegenteil: Letztere ermöglicht es einer Führungskraft, die Bedürfnisse, Stärken, Schwächen, Potentiale der Mitarbeiter_innen wahrzunehmen, die Persönlichkeiten zu erkennen, zu fördern und ein abgestimmtes Team sowie in der Folge eine entsprechende Organisation zu formen und zu führen. Jenseits der Manipulation. Mitgefühl geht mit Ethik und Integrität einher. Es ermöglicht Konfliktfähigkeit und das Überbrücken von Gegensätzen: Gemeinsam an einem Strang zu ziehen.

 

Wie sieht nun der Balanceakt aus, den das Mitgefühl vollbringt?

 

In Zeiten massiver Veränderungen, die wir aktuell aufgrund einer weltweiten Pandemie, wirtschaftlicher Rezessionen, ökologischer Dringlichkeit und technologischer Quantensprünge erleben, mag der Reflex entstehen, „die Schotten dicht zu machen,“ um nicht selbst von Ungewissheit und Unsicherheit überschwemmt zu werden. Zu viel Angst kursiert unterschwellig in der Gesellschaft. Zu viel Gereiztheit und Aggression könnte hervorbrechen. Zu viele Menschen spielen auch mit den Emotionen der Bevölkerung und nutzen diese für eigene Interessen.

 

Vor all diesen Hintergründen mag zu viel Offenheit und Berührbarkeit kontraproduktiv sein. Ja, es kann stark mitfühlende Menschen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit führen. Optimismus wird schwierig zu halten. Zu überwältigend sind all die (medialen) Eindrücke und Anforderungen. Denn es gilt sie auch zu verarbeiten. Und im Mitgefühl mit der Welt schwingt gerade jetzt viel Spannung, Konflikt und Leid mit. Wie wollen wir also damit umgehen? Uns abschotten und zurückziehen? Auf Engagement verzichten? In „alte“ Führungsstile zurückfallen?

 

Ich plädiere für einen Mittelweg.

 

Nicht nur in meiner Auseinandersetzung mit Friedensthemen und der Konflikttransformation, auch in Führungsaufgaben und in Beratung und Coaching spielte und spielt Empathie eine Schlüsselrolle. Mitgefühl verbindet uns von Mensch zu Mensch. Es öffnet Räume des Vertrauens. Es fördert  Bedingungsfreiheit. Es stellt Bewertungen in den Hintergrund. Und es unterstützt Menschen dabei, sich dem Leben und seinen Herausforderungen selbstbewusst zu stellen. Unerlässlich in der heutigen Zeit!

 

Und gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass es wichtig ist, die Fähigkeit des Mitgefühls aktiv zu kultivieren. So, wie wir andere Fertigkeiten verfeinern, wollen wir auch mit unserer Empathie bewusst umgehen. Es gilt, uns selbst gut zu kennen: Unsere Gefühle, Bedürfnisse, Glaubenssätze, Werte und Ziele. Je besser wir uns selbst verstehen, umso besser kennen wir unsere Trigger, die andere Menschen in uns anstoßen, sodass wir unbewusst (über)reagieren. Und je besser wir uns selbst kennen, umso mehr können wir zentriert bleiben und Mitgefühl zulassen, wenn die Wogen hoch gehen und wir mit Herausforderungen konfrontiert werden. Dann bleiben wir in Verbindung mit uns selbst und unserem Gegenüber. Dann wirken wir Spaltung entgegen. Halten den Raum. Brechen Brücken nicht ab.

 

Ja, auch das Bewusstsein um unsere persönlichen Grenzen gehört dazu. Wann haben wir unser individuelles Limit erreicht? Wann wäre ein Zuviel an Empathie schädlich für uns? Selbstfürsorge wird zu einer Schlüsselkompetenz in der heutigen Zeit. Sie dient uns und unserer Umwelt.

 

Und schließlich: Mitgefühl beginnt bei uns selbst. Bei unseren eigenen Untiefen, Schatten und Schattierungen, bei unserer Menschlichkeit, die so vieles mit einschließt. Und je mitfühlender wir mit uns sein können, umso leichter fällt es im Außen. Denn es ist ein Wechselspiel. Innen und Außen stehen in einem permanenten Austausch. Wir können uns der Außenwelt nicht entziehen, und gleichzeitig speist sich unser Verhalten aus unserem reichen Innenleben. Welch faszinierendes Phänomen.

 

Sperren wir die Qualität des Mitgefühls also nicht weg. Auch wenn die Wellen der Veränderung und der Konflikte an unsere Türen schlagen. Bleiben wir berührbar und durchlässig in einem Maße, das uns gut tut - und das uns in Verbindung bleiben lässt. Mit den Wundern und auch den Schatten dieser Zeit. Denn auch die Schatten möchten angesehen und aufgelöst werden. Kultivieren wir Empathie als eine Stärke, die keine Technologie je wird ersetzen können. Denn sie macht uns menschlich. Sie macht uns aus.