Die Kraft, die aus Räumen der Reflexion entsteht

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Viele Organisationen haben Maßnahmenpläne entwickelt, um erfolgreich durch die kommenden Monate zu navigieren, die von viel Ungewissheit geprägt sein werden. Teams kehren gemäß den geltenden Regelungen in die Büros zurück, erste Veranstaltungen werden wieder vor Ort abgehalten.

 

Andere Unternehmen wiederum behalten Homeoffice Vereinbarungen bei. Sei es, um den Gesundheitsschutz so lange als möglich aufrecht zu erhalten, sei es aus Kostenersparnissen oder auch aus der lange gehegten Absicht, distant work Lösungen verstärkt in den Arbeitsalltag zu integrieren (Stichwort New Work). Es kann auf Wunsch der Mitarbeiter_innen erfolgen oder von diesen nur in Kauf genommen werden. Die Lebenswirklichkeiten sind sehr verschieden. Das wird im Augenblick mehr als deutlich.

 

Eine Konstante zieht sich jedoch durch alle Arbeitsrealitäten: Der Wunsch nach Austausch, Kontakt, „Gesehen werden“.

 

Auch wenn sich Mitarbeiter_innen sehr flexibel und anpassungsfähig zeigen, so kann das aus unterschiedlichen Motiven passieren, aus Freude an der Veränderung oder auch aus Angst vor nachteiligen Konsequenzen. Die Bandbreite ist groß. Und die Wirkkraft der zugrunde liegenden Gefühle ist nicht zu unterschätzen, wenn sie nicht beachtet werden.

 

Denn gerade in Zeiten rasanter Veränderungen braucht es „Räume“, um das Geschehen zu reflektieren und sich darüber austauschen zu können, um weiterhin zuversichtlich, leistungsstark und vertrauensvoll arbeiten zu können. Es benötigen Einzelperson ganz für sich alleine, und v.a. auch Gruppen und Teams.

Dieser ehrliche, offene Austausch in einem „geschützten Raum“ stellt eine unglaubliche Quelle der Kraft dar. Daniel Coyle beschreibt in seinem Bestseller „Culture Code“ Krisenzeiten als wahre Treiber für vertrauensvolle und in der Folge überdurchschnittlich erfolgreiche Zusammenarbeit.

 

Vorausgesetzt, es findet Beziehung statt und der Austausch lässt Verletzlichkeit und Gefühle zu. Letztere sind keinesfalls Ausdruck von Schwäche oder Versagen. Erst der bewusste Umgang mit Gefühlen macht authentische Stärke möglich. Gelöste Gefühle zeichnen echte charismatische Führungspersönlichkeiten aus, jenseits von Egotrip und Narzissmus.

 

Wie können also diese Räume für Reflexion und Austausch aussehen?

 

Sehr vielfältig! Ausgangspunkt ist stets das Bewusstsein, dass Teammitglieder von Zeit zu Zeit mehr als nur oberflächlichen Smalltalk benötigen. Das Beispiel des Eisberges, lässt sich auch in dieser Situation anwenden. Auch wenn die Spitze des Eisberges (= das konkret sichtbare Verhalten) easy going erscheint, so gibt es doch den großen Bereich des Berges, der sich unter der Wasseroberfläche befindet und unbewusst wirkt. Hier können Unsicherheiten, Ängste, Zweifel und Sorgen zuhause sein, die nicht öffentlich gezeigt werden.

 

Wichtig ist es, diesen unbewussten Bereich zu kennen und mit zu bedenken. Natürlich können Gruppen und Teams auch gelöst zuversichtlich in Veränderungsprozesse gehen! Umso besser! Doch Erfahrung und Wissenschaft zeigen, dass Change Prozesse mit erheblichen Widerständen behaftet sein können. Daher ist es hilfreich, diese unbewussten Ebenen im Hinterkopf zu haben und einen konstruktiven Umgang damit zu finden.

Wenn man „geschützte Räume“ für Teams und Mitarbeiter_innen schaffen möchte, beginnt es stets bei einem selbst. Die Führungskraft benötigt Klarheit über die eigene Rolle und den eigenen Beitrag zum Geschehen. Es kann Sinn machen, die Rolle und das Vorgehen im Rahmen eines Coachings oder einer Supervision zu klären. Oder man hat bereits eine Reflexionsroutine für sich geschaffen. Wunderbar! Und absolut erfolgsrelevant in den jetzigen Zeiten!

 

Die konkrete Reflexion im Team kann gut und gerne in virtuellen Meetings stattfinden. Wichtig ist, dem Prozess Zeit und Raum zu geben. Unvorbereitet und innerhalb von 5min ist die Chance groß, dass die Vertrauensschwelle nicht überschritten wird, die es braucht, um echte Nähe und Beziehung entstehen zu lassen. Auch hier ist Bewusstsein und Vorbereitung Key. Schön, wenn aus dem Prototypen dieses vertrauensvollen Austausches eine Routine wird, ein wohltuendes Clearing einmal im Monat, das niemand mehr missen möchte…

 

Auch werden persönliche Meetings wieder möglich. Und der persönliche Austausch kann seine volle Kraft entfalten. Denn auch wenn wir im Job fokussieren und unsere Funktion best möglich erfüllen, sind wir alle fühlende Wesen. Gerade in der jetzigen Zeit der unaufhaltsamen Veränderung, gilt es, das Geschehen und die Unsicherheit, die von allen Seiten auf uns einströmt, zu verarbeiten und ins Positive zu verwandeln.

 

Dafür braucht es zu aller erst die Akzeptanz der Situation, mit allem, was dazu gehört, Angst, Unsicherheit, Zweifel, Sorge, Neugierde, Zuversicht, Vorfreude, Risikovermeidung und Bereitschaft… und dies alles gemischt, in einem diversen Team aus einmaligen Persönlichkeiten. Coyle nennt drei Hauptkomponenten für überdurchschnittlich erfolgreiche Gruppen: Sicherheit, geteilte Verletzlichkeit und Sinn!

 

Diese drei magischen Bestandteile kann man tagtäglich praktizieren. In den vielen kleinen Handlungen, in denen wir mit unseren Kolleg_innen, Mitarbeiter_innen, Vorgesetzten oder Partner_innen interagieren. Und gebündelt gilt es diese drei Komponenten immer wieder aufzufrischen: in authentischen, vertrauensvollen Reflexions- und Austauschrunden!

 

Selbstorganisiert oder moderiert. Es gilt, die Hemmschwelle zu überwinden! Denn der Mut, sich auf ehrliche Reflexion einzulassen, wird immer reichlich belohnt. Schließlich sind es in jedem Fall „Räume“, in denen Neues entsteht: in unserem ganz persönlichen inneren Reflexionsraum (= unsere ganz persönlichen Erkenntnisse), in den Beziehungen zwischen uns Menschen (= Vertrauen wächst) und in der Folge in einer achtsameren, nachhaltigeren Welt.

Ihre Birgit Allerstorfer