Warum uns die Sehnsucht nach "Normalität" jetzt enorm weiterhelfen kann

... Wenn wir sie richtig nutzen. Denn langsam öffnet sich das tägliche Leben wieder. Geschäfte, Lokale, bald auch Kulturräume und in absehbarer Zeit die Grenzen zu einigen Nachbarländern. Nach einschneidenden Wochen des Lockdowns ist die Sehnsucht nach „Normalität“ – wie auch immer wir sie definieren möchten - groß. Und gleichzeitig setzt sich der Gedanke fest, dass es nie wieder so werden wird, wie früher.

Woran wir mit unserem Streben nach „Normalität“ auch hängen, es ist ein guter Moment, kurz darüber nachzudenken. Denn die Zeiten für neue Weichenstellungen sind gut. Es müssen nicht gleich lebensverändernde Schritte sein. Kleine Veränderungen in unserer Haltung, Micro-Shifts in unserem Verhalten. Sie alle sind Gold wert. Gilt es doch, mehr Nachhaltigkeit, Achtung vor dem Leben, Ressourcenschonung, Achtsamkeit und Wertschätzung in die Welt zur bringen.

 

Was macht demnach unsere geschätzte „Normalität“ aus? Welche Bedürfnisse liegen unseren Handlungen zugrunde? Und gäbe es neue, vielleicht zukunftsweisendere Wege, diese Bedürfnisse zu stillen?

 Zeit, Strategien mutig anzupassen

Nicht nur Einzelpersonen stellen sich diese Fragen im Augenblick. Auch für Unternehmen und Organisationen jeder Art, ist es der Zeitpunkt, ihre Strategien auf eine neue, noch ungewissere Zukunft anzupassen.

 

Die Mega-Trends der Digitalisierung, künstlichen Intelligenz, demographischen Entwicklung, der Ökologie, des Lebens mit Pandemien und der Notwendigkeit tiefgreifender Reformen in Sozialsystemen, Finanzsystemen und in der intra/supra und transnationalen Zusammenarbeit etc. liegen auf der Hand. Seit Jahren, mitunter seit Jahrzehnten.

Gut, und weiter? Jetzt gilt es wohl, sie auf die Handlungsebene herunter zu brechen und „think big“ zu wagen. Auch wenn nach Daniel Kahnemann die Verlustangst drei Mal mehr wiegt, als der Ausblick auf neue Chancen, so lohnt der mutige Blick in die Zukunft gerade jetzt. Die Sehnsucht nach „Normalität“ lässt sich, wenn man sie in ihre bedürfnisbasierten Einzelteile zerlegt, auch gut in die Zukunft projizieren. Dann wird sie zu einer „Karotte“, einem Ziel, das wir anstreben und erreichen möchten! Kein antiquiertes „back to normal,“ das uns schlussendlich hemmt und stehen bleiben, im schlimmsten Fall zurückrollen lässt.

 

Wie steht es nun um unsere Bedürfnisse in einer sich rasant verändernden Realität? Wie möchten wir unser Leben gestalten, wenn um uns herum die VUKA Welt tobt? Welche neuen Inhalte, Sehnsüchte und Visionen sollen uns in den kommenden Jahren begleiten?

Wunderwelten der Bedürfnisse

Am Thema Bedürfnisse treffen viele Welten aufeinander. Darum finde ich es so spannend 😊. Die individuelle Welt eines jeden Menschen: Was brauche ich, um ein gutes Leben zu führen? Die Team- und Arbeitswelt innerhalb von Organisationen: Was benötigen wir, um angenehm und effektiv zusammen zu arbeiten? Die Unternehmenswelt: Welche Kundenbedürfnisse wollen und können wir befriedigen? Die Welt der Märkte: Anhand welcher Bedürfnisse steuern sich Makrosysteme? Und schließlich die Welt an sich: Worum geht es auf Ebene des Globalen? Um das langfristige Überleben der Menschheit? Um die Balance und damit die Gesundheit des Ökosystems?

 

Bedürfnisse durchziehen und lenken – meist unbewusst – unser Leben. Wir tun gut daran, uns näher mit ihnen zu beschäftigen. Denn es winkt ein erfülltes und glückliches Leben. Oder auch einfach, um weniger manipulierbar zu sein. Allein darin liegt ein gewaltiger Schritt nach vorne. Denn woher bezieht die Marktforschung ihre Daten? Wonach richten sich Trends? Wer ist diese ominöse Kundin oder der Kunde eigentlich, um die/den sich alles dreht?

 

Ganz genau. 😉 

Es liegt an mir

Ich habe mir vorgenommen, meine „Normalität“ weiterzuentwickeln und zum Teil neu zu definieren. Der Zeitpunkt ist gut. Auf vielen Ebenen finden Reflexionsprozesse statt. Mehr oder weniger mutige. Mehr oder weniger offene und zuversichtliche. Jede und jeder einzelne muss die Wahl zwischen Angst und Freude für sich selbst treffen. Jeder Mensch, jede Organisation, jedes vernetzte System. Und jede Entscheidung beeinflusst das große Ganze. Jede einzelne Entscheidung wirkt, bewirkt!

 

Eine Ebene, die maßgeblichen Einfluss hat, welchen Weg wir wählen, ist das tägliche Umfeld, in dem wir leben und arbeiten. Der Unternehmenskultur kommt im Business beispielsweise große Bedeutung zu. Sie beeinflusst stark, wie eine Organisation mit Herausforderungen umgeht. Ob wir uns buchstäblich nach Otto Scharmer „in die Zukunft lehnen“ und diese eigenverantwortlich und zuversichtlich gestalten wollen, oder ob wir aus Angst und Zweifeln erstarren und erstmal blockieren, um unsere vermeintliche „Sicherheit“ nicht zu verlieren. Der Preis dieser Sicherheit könnte hierbei ein hoher sein.

Unternehmenskultur als kraftvolle Basis

Simon Sagmeister weist in der Auseinandersetzung mit der Unternehmenskultur in Zeiten der Pandemie auf das Verhältnis „Purpose“ versus „Profit“ hin. Er stellt in der Krisenzeit eine Verschiebung in Richtung Profit in den Raum, auch wenn der Sinn und Zweck des Handelns nach Viktor Frankl gerade in Existenzkrisen überlebenswichtig ist. Den Kundennutzen gilt es, gerade in der Zeit des Wandels zu evaluieren und ggf. neu auszurichten. Alles klar soweit. Und doch zeigt sich gerade an diesem Beispiel für mich die enge Verwobenheit von individueller bis hin zur globalen Ebene.

 

Was ist mein Sinn und Zweck des Handelns? Was treibt mich als Person an? Wozu wirtschaftet ein Unternehmen? Und wie soll eine Welt aussehen, die wir mit unserem vernetzten, individuellen und folglich kollektivem Tun jeden Tag erschaffen?

 

Viele Fragen - einige Antworten - und eine gute Zeitnische, einmal ganz genau hinzuhören. An den Allgemeinplätzen vorbei, noch ein Stück tiefer, genau dahin, wo unsere wahren, authentischen Bedürfnisse wohnen. Es lohnt sich. Denn sie werden in Zukunft den Unterschied machen.

Ihre Birgit Allerstorfer